Selbstbewusstsein stärken in der Arbeit mit Menschen

Warum Kompetenz allein nicht reicht – und was wirklich hilft.

Viele “Therapeut*innen” kennen diese Gedanken:
Fachlich weiß ich viel, mache ständig Fortbildungen…  und trotzdem fühle ich mich unsicher.
Immer wieder melden sich innerlich Zweifel, ich bin festgefahren und traue mich nicht die Arbeit zu machen, die ich eigentlich machen möchte, mein “Herzensprojekt” zu verwirklichen. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, „nicht gut genug“ zu sein.

In diesem Blogartikel möchten wir mir Dir beleuchten, was Selbstbewusstsein ausmacht, warum es bei Therapeut*innen oft fragil bleibt und weshalb klassische Fortbildungen, positives Denken oder äußere Bestätigung häufig nicht greifen

Vor Allem aber geht es um die Frage: 

Wie kannst Du die Stärkung Deines Selbstbewusstseins wirklich nachhaltig und von innen heraus gestalten?

 

Was ist Selbstbewusstsein?

 

Selbstbewusstsein ist mehr als sich „sicher und kompetent geben“. 

Kurzgefasst bedeutet es: Sich selbst zu kennen, sich seiner Selbst bewusst zu sein und in die eigenen Fähigkeiten, Eigenschaften und den eigenen Wert zu vertrauen.

Es vereint also mehrere Ebenen:

  • Selbstbewusstsein, sich selbst kennen
  • Selbstwert, sich als wertvoll erleben
  • Selbstvertrauen, darauf vertrauen, etwas bewältigen zu können

Ein selbstbewusster Mensch kann sich realistisch einschätzen, kennt die eigenen Stärken und Schwächen, kann für sich und die eigenen Meinungen und Handlungen einstehen, ohne sich zu überhöhen, abzuwerten oder andere zu ignorieren.

Entscheidend ist:
Selbstbewusstsein entsteht nicht isoliert durch Können/Kompetenz, sondern immer auch im Kontakt, durch Spiegelung, Zuschreibung, Beziehung und durch biografische Prägung.

 

Wie Selbstbewusstsein entsteht

 

Selbstvertrauen wächst, indem ich Dinge ausprobieren kann, ihren Effekt mitbekomme und bei positiven Auswirkungen gesehen und positiv bestärkt werde.
Selbstbewusstsein entsteht auch, wenn ich Fehler machen darf und dann nicht kritisiert und allein gelassen oder gar beschämt werde, sondern (gemeinsam mit anderen) neue Möglichkeiten entwickeln kann.
So kann ich auch mit Herausforderungen wachsen und lernen. Es entstehen positive Feedback-Kreisläufe, die meine Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit und mein Selbstbewusstsein stärken.

 

Wie therapeutisches Selbstbewusstsein entsteht – oder auch nicht

 

Gerade im therapeutischen Feld besteht die weitverbreitete Annahme:
Wenn ich noch mehr weiß, noch mehr kann, dann werde ich mich auch sicher fühlen.
Doch genau hier zeigt sich oft das Gegenteil.

Der Dunning-Kruger-Effekt

Menschen mit wenig Erfahrung überschätzen sich häufig –
Menschen mit wachsender Kompetenz zweifeln zunehmend an sich selbst.

Therapeut*innen und Menschen, die mit Menschen arbeiten, befinden sich häufig nicht mehr am Anfang (eines Lernprozesses), sondern in einem Bereich hoher Komplexität und Verantwortlichkeit, wenn sie ihre Fähigkeiten und Kompetenzen infrage stellen.
Zweifel sind dann oft kein Zeichen von Inkompetenz, sondern von Bewusstheit.

Diese Kurve der Lernpsychologie zeigt sich bei Menschen, bei denen die Entwicklung des eigenen Selbstbewusstseins vorab eher gut verlaufen ist.
Bei Menschen, deren frühe Entwicklungsjahre zu einem wenig ausgeprägten Selbstbewusstsein geführt haben und die so andere Startbedingungen haben, zeigen sich jedoch oftmals ganz andere Dynamiken. 

Ein Erklärungs-Modell: Innere Anteile

Aus der Perspektive von Teile-Arbeit (nach IFS, Internal Family Systems) kann man sagen, es stehen Anteile im Weg, sodass wir nicht von einem erwachsenen Selbst aus lernen können, sondern in Schutzstrategien oder kindlichen Mustern gefangen sind.

Beispielsweise durch innere Anteile, die uns abwerten, so wie wir früher von anderen abgewertet wurden. Dabei entstehen oft weitere Anteile, die darauf mit z.B. Rückzug oder Wut reagieren.
Auch bei angemessener, wertschätzender Kritik kann diese dann häufig nicht von unserem erwachsenen Selbst gehört werden, stattdessen ziehen wir uns zurück oder werden wütend. Wir handeln damit aus der Perspektive eines Anteils, der uns vor Verletzung schützen will – auch wenn das der äußerlichen Situation nicht angemessen scheint.
Solche inneren Konflikte und die daraus resultierenden äußeren Konflikte erschweren den eigenen Lernprozess und das Aufbauen von Selbstbewusstsein.


Was der Entwicklung von Selbstbewusstsein im Wege steht:

 

  • Negative Zuschreibungen und Vorurteile, Arbeitsumfelder, Systemische Strukturen wo ich nicht als Mensch gesehen werde, z.B. wenn ich nicht wirklich im Kontakt mit jemandem bin, sondern als Bild/ Stereotyp (zu groß, zu klein, zu jung, zu alt, “falsche” Hautfarbe, Geschlecht…) Kritik für Dinge erhalte, die ich nicht ändern kann.
  • Beziehungserfahrungen, wo Beziehungen an Bedingungen geknüpft sind und wo ich anders sein soll. Dadurch interpretiert mein System, dass ich nicht wertvoll und geliebt bin, so wie ich bin (und Anteile bilden sich aus)
  • Unsichere Bindung, Kontaktabbrüche, Bestrafen und Beschämen, wenn ich bin wie ich bin, auch Schwächen zeige und nicht alles kann, bzw. richtig mache
  • Auswirkungen: Wenn dies häufiger der Fall ist, gibt es keine erlebte Bindungs- und emotionale Sicherheit, dadurch muss ich mich selbst schützen und von dieser Verunsicherung/Schmerz abspalten (so dass ich mich anders gebe, um die Bindung zu sichern). Dies sind typische Folgen von Entwicklungstrauma.
  • Durch die Auswirkungen von Entwicklungstrauma, sowie ungünstige neurophysiologische Voraussetzungen, kann außerdem die Selbstwahrnehmung und Informationsverarbeitung beeinträchtig sein. Hilfreiche neuronale Feedback-Kreisläufe entwickeln sich dadurch weniger, wie auch die Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit und das Selbstbewusstsein.

Diese Ebenen lassen sich kaum oder gar nicht allein durch fachliche Kompetenz verändern!

Zusätzlich als Video warum Fachfortbildungen nicht helfen:

Was häufig in Kursen gemacht wird und warum es oft nicht hilft

 

Viele gut gemeinte Ansätze verfehlen den Kern:

  • Mehr Fachkompetenz aufbauen, ohne den Dunning-Kruger-Effekt und innere Dynamiken einzubeziehen
     
  • Standard-Fortbildungen, die unabhängig von den beruflichen, sowie persönlichen Hintergründen der Teilnehmenden durchgeführt werden und ihre aktuellen inneren Prozesse (Aktivierung im Nervensystem, innere Anteile) außen vor lassen
     
  • Selbsterfahrungskurse, die die Problematik im Arbeitskontext und die Integration von Erlebtem nicht einbeziehen, sodass wenig Lernen und Empowerment stattfindet
     
  • Gruppensettings, in denen man sich „zeigen” oder die Komfortzone verlassen soll, so dass innere Anteile übergangen werden, mit dem Risiko von Überforderung und Retraumatisierung
     
  • Lob & Anerkennung von außen, das kurzfristig stabilisiert, langfristig aber Abhängigkeit oder Überkompensation fördert
     
  • Trost, der ungewollt die Opferrolle zementiert

  • Positives Denken, Visualisationen und Affirmationen  („Ich kann das!“), die innere Anteile kaum erreichen oder ihre Glaubenssätze (“Ich kann das nicht”) sogar verstärken

 

Das Ergebnis:
Das innere Erleben und damit auch das Selbstbewusstsein bleiben unverändert.

 

Was wir anders machen – und warum das wirkt

 

Wenn ich “weiß” (spüre, erlebe, erfahre… ), wer, wie und was ich bin und was ich kann (und was auch nicht), dann ist Selbstbewusstsein keine Frage mehr, sondern ein natürlicher Zustand. Weder überhöht noch abgewertet, sondern ein realistisches, stabiles “Wissen”, In-sich-Ruhen – mit deutlich weniger Abhängigkeit vom Außen.

Dies erreichen wir durch:

  • Verkörpertes Lernen:
    Fachkompetenz im Miteinander ausprobieren, erleben, sich austauschen und gemeinsam reflektieren.
    Wirkungen von Techniken an sich selbst spüren und durch diese Erfahrungen Wissen und Kompetenz “bottom-up” durch den Körper aufbauen.

     

  • Achtsamkeit für Grenzen, miteinander arbeiten und lernen im Konsens

     

  • Maßgeschneiderte Begleitung jedes einzelnen Menschen mit seinen individuellen Wünschen, Stärken und Herausforderungen

     

  • Gemeinsamer Realitätscheck, gleichwertiges Einsammeln der Erfahrungen und aller Fragen

     

  • Kontakt und Austausch auf Augenhöhe und ohne Konkurrenz, dabei aus individuellen und gemeinsamen Herausforderungen von- und miteinander lernen

     

  • Spiegelung durch andere, da die eigene Perspektive oft eingefärbt ist. Z.B. durch menschliches und fachliches Feedback in Inter- und Supervisionen oder 1 zu 1 Lernaustausch

     

  • Erfahren: „Ich bin nicht allein damit“, fachlich wie persönlich, sondern habe Unterstützung aus einer ganzen Gruppe

     

  • Gezielt mit den Anteilen arbeiten, die die eigene Kompetenz nicht mitbekommen, ihr nicht vertrauen, sie sabotieren oder verbieten. Ich lerne mich mehr kennen, es entstehen neue Perspektiven und Verständnis. So baut sich Vertrauen und eine neue Beziehung zu mir selbst auf

     

  • Integration unterstützen: Möglichkeiten erlernen und ausprobieren, um neue Erfahrungen und Erkenntnisse nachhaltig mit in den Alltag zu nehmen, sodass echte Veränderung möglich wird

     

Klicke unten um dies selbst zu erfahren und zu erlernen:

FAQs

 

  • Warum fühle ich mich unsicher?

Unsicherheit entsteht oft nicht, weil Du etwas „nicht kannst“, sondern weil Dein inneres Erleben nicht mit Deiner fachlichen Kompetenz übereinstimmt. Selbstbewusstsein entwickelt sich durch Beziehung, Spiegelung und sichere Erfahrungen. Wenn dies fehlt, bleibt Unsicherheit bestehen, auch bei hoher Kompetenz.

  • Warum fühle ich mich unsicher in der Arbeit mit Menschen, was kann das mit Trauma zu tun haben? 

Die Arbeit mit Menschen aktiviert Beziehung, Nähe und Verantwortung. Wenn es in Deiner Biografie wenig emotionale Sicherheit, Beschämung oder unsichere Bindung gab (Entwicklungstrauma), kann Dein Nervensystem schneller in Stress geraten. Wenn es dann mit Rückzug oder Selbstkritik reagiert, ist dies kein Zeichen von Unfähigkeit, sondern ein Schutzmechanismus. 

  • Was ist Selbstbewusstsein?

Selbstbewusstsein bedeutet, sich selbst zu kennen, sich als wertvoll zu erleben und den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Ein selbstbewusster Mensch kann sich realistisch einschätzen, ohne sich zu überhöhen oder abzuwerten, für sich einstehen und aus Fehlern lernen.

  • Warum stärken Fortbildungen das Selbstbewusstsein oft nicht nachhaltig

Fortbildungen vermitteln Wissen, verändern aber selten das innere Erleben. Selbstbewusstsein entsteht durch Erfahrung, Beziehung und Verkörperung, nicht allein durch kognitive Kompetenz. Innere Anteile, Nervensystem-Aktivierung und biografische Prägungen bleiben in klassischen Fortbildungen meist unberücksichtigt.

  • Was heißt verkörpertes Lernen?

Verkörpertes Lernen bedeutet, Wissen nicht nur kognitiv zu verstehen, sondern es zu erleben, zu spüren und neurophysiologisch zu verankern. Techniken werden im Kontakt ausprobiert, ihre Wirkung am eigenen Körper erfahren und gemeinsam reflektiert. So entsteht Lernen „von unten nach oben“, Bottom Up – über Körper, Emotion und Beziehung. 

 

Fazit

 

Nachhaltiges Selbstbewusstsein entsteht durch das Zusammenspiel von Selbstwahrnehmung, Beziehung und gelebter Erfahrung/ Verkörperung und wächst im Kontakt: Durch verkörpertes Lernen, ehrliche Spiegelung und Räume, in denen Grenzen gewahrt werden und wir als Mensch ganz sein können. Wenn wir innere Anteile einbeziehen, neue Erfahrungen gemacht werden und dies integrieren, wächst ein realistisches, stabiles Vertrauen in uns selbst. Selbstbewusstsein wird so zu einem natürlichen, selbst-verständlichen Zustand.

Bist Du neugierig geworden, hast Du Lust Möglichkeiten zu entdecken, die bisher unmöglich schienen?