TEIL 2: Schock- vs. Entwicklungs-Trauma

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Willkommen zurück zu unserer kleinen Reihe zum Thema: „Trauma – was ist das eigentlich?“ Dies ist der zweite Teil und er baut auf Teil 1 – „Was ist Trauma eigentlich?“ auf.

Schock-Trauma ist kein Entwicklungs-Trauma

In diesem Artikel möchte ich darauf basierend die Unterscheidung zwischen Schock- und Entwicklungstrauma vorstellen.

Diese ist wichtig, denn: Sie sehen oberflächlich fast gleich aus, sind aber sehr unterschiedlich. Beide zeigen sich durch ähnliche Emotionen (Wut, Angst) und ein Gefühl der Unsicherheit – es macht aber Sinn, dass wir mit beiden sehr unterschiedlich umgehen!

Ich persönlich glaube, dass viele Missverständnisse und Schwierigkeiten in der Behandlung von ‚Trauma’ daher rühren, dass diese Unterscheidung nicht klar genug getroffen wird.
Dann versuchen wir mit Entwicklungs-Trauma so zu arbeiten, als sei es ein Schock–Trauma oder anders herum.

Hier ist ein erster Überblick, der im weiteren Text vertieft wird.

Schock-Trauma

Entwicklungs-Trauma

Ein plötzliches, überforderndes Ereignis: Zu viel, zu schnell, auf einmal.

Dauerhafte Erfahrungen in der Kindheit, in denen Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurden: Zu lange, zu wenig oder sogar das Falsche.

Die Überlebens-Energie des (Nerven)Systems kann nicht verarbeitet werden und bleibt im System stecken. Folgen: chronische Reizbarkeit, emotionale Instabilität, Vermeidungsstrategien &/ Süchte

Das Kind ist chronisch dysreguliert und erlebt die Welt als unsicher. Es entwickelt Überlebensstrategien in dieser unsicheren Welt. Diese formen die Basis für spätere Beziehungsmuster, Glaubenssätze und Persönlichkeit.

Behandlungen können die gebundene Überlebensenergie aktivieren, dies zeigt sich in Form von: Freeze (Erstarrung/Kollaps), starken Emotionen, Bewegungsimpulsen / Zittern…

Behandlungen können die Identifizierungen und Überlebensstrategien berührt werden: Scham, Überforderung, Desorientierung…

Herausforderung: Die beiden sehen in Behandlungen von außen nahezu gleich aus, was dabei im Klienten passiert ist aber sehr unterschiedlich. Deswegen ist diese Unterscheidung so wichtig!

Dieser Artikel stellt beide Formen des Traumas im Detail vor:

Schock-Trauma: Zu viel, zu schnell, zu plötzlich

Ein Schock Trauma entsteht,

  • basierend auf einem als bedrohlich erlebten Ereignis zu viel, zu schnell, zu plötzlich auf einmal passiert, so dass ich jenseits meiner Verhaltens- und Bewältigungsmöglichkeiten bin.

Basierend auf der Funktion des menschlichen Nervensystems ist die natürliche Reaktion in einer solchen Situation der sogenannte „Freeze“ – d.h. ein biologisch fundiertes „Aufgeben, bzw. Totstellen“, trotz einer hohen Ladung in Körper und Nervensystem.

Vereinfacht ausgedrückt: Ich keine Bewältigungsmöglichkeit, so setzt ein Totstellreflex ein und obwohl Todesangst habe und sehr geladen bin, tue ich nichts – kann ich nicht mehr Handeln (Dabei ist es hilfreich die Physiologie des Nervensystems zu verstehen. Hier erfährst Du mehr darüber).

  • wenn ich das Ereignis danach nicht verarbeiten, verstoffwechseln und integrieren kann.

Das heißt, wenn ich auch nach dem Ereignis die verbliebene Ladung meines Nervensystems nicht entladen kann, die überfordernden Gefühle nicht fühlen und losslassen kann etc.

Denn dann bleiben diese „stecken“ und werden in der Zeit danach immer wieder aktiviert und erlebt. Dieses Wieder-Erleben führt dann zu den Verhaltensweisen, Emotionen, Gedanken und Erleben, die Trauma so kräftezehrend machen.

Schock-Trauma-Beispiel: Fahrradunfall

Eine junge Frau wird auf ihrem Fahrrad seitlich von einem Auto angefahren. Sie hat während des plötzlichen Aufpralls keine Möglichkeit sich zu schützen und ist wie „eingefroren“.
Aufgrund eines Verdachts auf Verletzungen der Wirbelsäule wird sie nach dem Unfall ins Krankenhaus gebracht und medikamentös beruhigt. Sie wird entlassen, nachdem die Untersuchungen keine Hirn- und Rückenmarks-Verletzungen gezeigt haben.

Obwohl keine offensichtlichen Schäden entstanden sind, fühlt sich sie nach dem Unfall zunehmend ängstlich, reizbar und vermeidet das Fahrradfahren soweit wie möglich. In den Monaten nach dem Unfall nehmen Schlaflosigkeit, Wutausbrüche und Isolations-Tendenzen nicht ab, sondern werden stärker.

Anhand der obigen Kriterien können wir analysieren:

  1. Der Unfall selbst war plötzlich, lebensbedrohlich und die junge Frau hatte keine Möglichkeit die Situation zu bewältigen.
  2. Direkt nach dem Unfall gab es aufgrund der Medikamente keine Möglichkeit, dass ihr Körper die Nervensystem-Aktivierung auf natürliche Art und Weise (Zittern, Laufen etc.) abbauen kann.

Dadurch ist die Ladung im Nerven-System geblieben und dieses gibt ihr dauerhaft das Gefühl, in Gefahr zu sein. Das Nervensystem kann nicht unterscheiden, ob die Signale aus der Gegenwart kommen (ich bin wirklich jetzt in Gefahr) oder alte feststeckende Aktivierung ist (ich war mal in Gefahr und mein System konnte sich danach nicht entspannen).
Diese dauerhafte Aktivierung wiederum bewirkt bestimmte Verhaltensweisen (Rückzug aus Sozialkontakt, Unruhe – Rastlosigkeit) und Emotionale Zustände (Wut, Angst, Hilflosigkeit).

Entwicklungs-Trauma: Zu lange, zu wenig oder das Falsche

Entwicklungs-Trauma entsteht anders. Anstelle eines schockierenden und Einschneidenden Erlebnisses, gibt es anhaltende und sich wiederholende Erfahrungen. Diese Erfahrungen haben teilweise die Gleichen manchmal sogar schwerwiegendere Auswirkungen, als Schock-Traumata.

Entwicklungs-Traumata entstehen besonders in der frühkindlichen Entwicklung zwischen 0 – 8 Jahre. Sie können z.B. entstehen, wenn

  1. (biologische) Grundbedürfnisse dauerhaft nicht erfüllt werden,
  2. das Kind dadurch nicht das erhält, was es für eine gesunde Entwicklung z.B. von Vertrauen und Autonomie etc. braucht
  3. und deswegen Überlebens-Strategien entwickelt, um sich an dieses – eigentlich unzufriedenstellende = traumatisierende (was meinst du dazu – zu kräftig?) – Umfeld anzupassen.

Dies ist ein sehr komplexer Vorgang, dem ich in diesem Artikel nicht gerecht werden kann. Deswegen kannst Du Dir unten ein 14-seitiges Dokument aus unsere Holistic-Bodywork.org Ausbildung dazu herunterladen. Wenn Du tiefer in die Thematik eintauchen möchtest.

Ein paar Anmerkungen zu den einzelnen Punkten:

1. Grundbedürfnisse werden dauerhaft nicht erfüllt

Kinder haben Grund-Bedürfnisse. Ein Beispiel ist Körperkontakt: Neugeborene brauchen Körperkontakt. Dies geht so weit, dass sie sterben, wenn sie überhaupt keinen Körperkontakt erhalten. In weniger extremen Fällen, kann ein Mangel an Berührung heißen, dass bestimmte Entwicklungsschritte, wie Körperbewusstsein, Selbstregulation und ventrovagales Wachstum nicht stattfinden.
Hierbei geht es nicht darum, dass ein Bedürfnis einmal oder zweimal nicht erfüllt wird. Ein Mangel entsteht, wenn Grundbedürfnisse dauerhaft nicht erfüllt werden. 

2. Das Nicht-Erfüllen von Bedürfnissen erzeugt Dysregulation und Schmerz

Wenn die (Grund-)Bedürfnisse von Neugeborenen und Kindern nicht erfüllt werden, führt dies zu Schmerz und Dysregulation. Sie erleben dies als bedrohlich, potentiell lebensbedrohlich. Die gesunde erste Reaktion darauf ist Protest und Frustration z.B durch Schreien, Weinen damit das Bedürfnis deutlich ist und noch erfüllt wird.

Wenn dies „lange genug“ nicht der Fall ist, ist die normale Reaktion darauf aufgeben,  Resignation und Freeze.
Nachdem die Bedürfnisse eines Kindes wiederholt und langfristig nicht erfüllt werden, wird das aufgeben und „einfrieren“ zu einer immer normaleren Reaktion. 

3. Wenn Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden, können Kinder sich nicht gesund / normal entwickeln

Die Erfüllung der eigenen Grundbedürfnisse in einer sicheren Beziehung ist notwendig (gebraucht) für die gesunde Entwicklung eines Kindes. Ohne Körperkontakt können Kinder ihren eigenen Körper kaum lernen wahrzunehmen. Ohne Autonomie und gleichzeitige Zuneigung der Bezugspersonen ist es schwer die eigene Autonomie sicher zu erfahren.

Wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden, verlaufen diese Lernprozesse nicht optimal und in extremen Fällen gar nicht oder schädlich.

4. Gleichzeitig tun Kinder alles, um die primäre Bindungsbeziehung zu schützen

Als biologischer Organismus sind Menschen nach ihrer Geburt sehr lange nahezu hilflos und auf ihre Umgebung zum Überleben angewiesen, weshalb Kinder alles tun, um die Beziehung zu ihren Bezugspersonen zu schützen.

Dies kann man als einen biologischen Imperativ bezeichnen: „Ich muss die Beziehung mit meinen Bezugspersonen (meistens Eltern) schützen, denn ohne diese bin ich verloren.“

Wenn in der Bindungsbeziehung also Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden UND selbst auf den Versuch diese erfüllt zu bekommen (protestieren, weinen, Versuche Kontakt herzustellen) nicht positiv reagiert wird… dann ist die beste Strategie Wege zu finden, ohne die Erfüllung dieser Bedürfnisse zu leben und wachsen.
Dadurch entwickelt sich ein Teufelskreislauf: Indem das Kind die Bindungsbeziehung sichert, entwickelt es Verhaltensweisen, Erfahrungen und Strategien, die nicht gesund sind.

5. Kinder passen sich an die Umgebung an, indem sie Überlebens-Strategien entwickeln

Alle Organismen haben einen intrinsischen Trieb zu überleben. Das heißt, dass sie in jeder Umgebung die bestmöglichen Anpassungen zu machen, die dazu führen, dass sie überleben können. In diesem Fall zu lernen mit der Nicht-Erfüllung bestimmter Bedürfnisse, der Dysregulation und trotz der sich nicht entwickelnden Fähigkeiten zu überleben. Diese Lernerfahrungen formen dann die Basis für die Verhaltensweisen und die Persönlichkeit die sich in den Kindern entwickeln können.

Mit anderen Worten: Das Selbstbild und die normalen Verhaltensweisen der Kinder basieren auf den traumatischen Auswirkungen der nicht erfüllten Bedürfnisse inklusive der entwickelten Überlebensstrategien.

PDF-Handout: Was ist Entwicklungstrauma?

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Die Folgen von Entwicklungstrauma

Diese Strategien und mit ihnen die Spannungsmuster, Glaubensmuster etc. bleiben erhalten und haben Auswirkungen auf unser Leben, Fühlen und Denken.
Es kann die gleichen Auswirkungen wie ein Schock-Trauma haben (unsicher fühlen, Gefühlsausbrüche…). Dies passiert hier aber nicht nur, weil etwas feststeckt, sondern weil unsere Identität und unser Bild der Welt auf diesen Mustern aufbaut.

Wir fühlen nicht nur Scham, Angst, oder Unsicherheit, sondern wir glauben, wir „sind“

  • Nichts wert und schlecht
  • Schwach und klein
  • Von einer feindseligen Umwelt umgeben und hilflos

Trauma und Essen: Ein Vergleich

Ein Schock-Trauma ist ein bisschen wie eine Lebensmittelvergiftung: wir essen einmalig etwas, was wir nicht verdauen können und uns krank macht, bis wir es aus dem Körper rauskriegen.

Entwicklungstrauma entsteht hingegen aus einer dauerhaften Unter- oder Fehlernährung in den formativen Jahren: Wir haben jahrelang nicht das zu essen gekriegt, was sich auf die Entwicklung unseres Systems ausprägt. Wir wissen auch gar nicht, wie gesundes Essen schmeckt, riecht und wie wir es erhalten können. Deswegen essen wir wir oft ein Leben lang weiterhin das „normale“ Essen mit dem wir aufgewachsen sind, ohne zu merken, dass es uns eigentlich nicht guttut – denn wir haben nie etwas anderes erfahren und unser Essverhalten inklusive unserer Geschmacksknospen haben sich darum entwickelt.

Im nächsten Artikel:

Geht es um die unterschiedlichen Behandlungsansätze für Schock- und Entwicklungstrauma. Denn beide brauchen unterschiedliche Dinge in der Therapie und Behandlungen. Und es ist dieser Unterschied, der viele Fragen und auch Widersprüche in der momentanen Trauma-Forschung beleuchten kann.

Deswegen: Bis zum nächsten Artikel.
Und ich freue mich über Kommentare und Anmerkungen.

Gefühle & Emotionen

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