Faszien und Emotionen: Schlüssel zur Traumaheilung

 

Mit Faszien arbeiten heißt, mit dem autonomen Nervensystem zu arbeiten.

In der Körpertherapie und Körperarbeit spielt das Fasziensystem eine entscheidende Rolle. Es ist nicht nur eine wichtige strukturelle Grundlage des Körpers, sondern auch Träger von Emotionen und Erinnerungen.
Die Faszien verbinden den Körper auf tiefster Ebene. Durch gezielte körpertherapeutische Arbeit können wir in ihnen sowohl physische als auch emotionale Blockaden lösen und so Traumaheilung unterstützen.

In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf das Zusammenspiel von Faszien und Emotionen. Wir zeigen Euch, wie somatisches Training, Bewegungslehre und Berührung dabei helfen können, Traumaheilung über den Körper zu fördern (im Bottom-Up Ansatz).

 

Was sind Faszien?

 

Faszien sind Gewebestrukturen, die den gesamten Körper durchziehen und jedes Organ, jeden Muskel und Knochen umhüllen. Der Begriff „Faszie“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Verbund“ oder „Bündel“. Faszien sind nicht nur statische Hüllen, sondern dynamische, elastische und sensible Netzwerke, die uns Bewegung und Flexibilität wie auch körperliche und emotionale Stabilität ermöglichen.

Faszien bestehen aus Zellen, Wasser, Eiweißen und Fasern (hauptsächlich Kollagen). Diese Strukturen bieten dem Körper Halt, unterstützen die Beweglichkeit, versorgen das Gewebe mit Nährstoffen und sind entscheidend für die Kommunikation zwischen den Körperzellen und dem Nervensystem.

In den Faszien befinden sich außerdem spezialisierte Rezeptoren, sogenannte Mechanorezeptoren, die auf Druck, Dehnung und Bewegung reagieren. Diese Rezeptoren senden Informationen an das Gehirn. Faszien sind somit ein hochsensibles System, das mehr Rezeptoren enthält als die meisten anderen Gewebe, wie z.B. Skelettmuskeln.

Was oft nicht beachtet wird, ist, dass Faszien auch glatte Muskelzellen beinhalten, durch die die Faszien aktiv an- und entspannen können. Diese glatte Muskulatur wird durch das autonome Nervensystem gesteuert.  

 

Faszien und das autonome Nervensystem

 

Das autonome Nervensystem (ANS) heißt so, weil es viele autonome Funktionen, die nicht willentlich beeinflussbar sind, steuert.
Zum Beispiel:

  • Herzschlag
  • Verdauung 
  • Atmung 
  • Drüsen, u.a. Schweißdrüsen
  • Spannung der Faszien

Faszien vermitteln Information über ihren (Spannungs-) Zustand an das ANS (Bottom-Up). Gleichzeitig regelt das ANS die Spannung in den Faszien über glatte Muskelzellen (Top-Down) und reagiert so auf körperliche und emotionale Belastungen (Stress).

Wenn der Körper durch eine Verletzung oder dauerhaft ungünstige Körperhaltung, Bewegung, Ernährung etc. unter Stress gerät, wird dies an das ANS gesendet. Dieser Stress wird durch die Verarbeitung unseres Nervensystems auch emotional als Unwohlsein interpretiert und erlebt.

Wenn das ANS durch psychische Belastungen aktiviert ist, wird diese Aktivierung auch an die glatte Muskulatur z.B. der Faszien gesendet. So kommt es zu Spannungs- und Haltungsänderungen, gegebenenfalls sogar Schmerzen und Unbeweglichkeit. Außerdem werden der Herzschlag, die Verdauung, die Atmung und die Schweißsekretion verändert.

 

 

Das Zusammenspiel von Faszien und Emotionen

 

Faszien sind nicht nur physische Strukturen, sondern auch ein “emotionaler Speicher”. Wenn Gefühle wie Angst, Wut, Trauer oder Scham nicht verarbeitet werden (Trauma), können sie im Fasziengewebe als Spannung „eingefroren“ werden. Dies geschieht aufgrund der Aktivierung des ANS und wird manchmal als „emotionale Blockade” bezeichnet.

2 Beispiele:

Bottom-Up (körperliche Auswirkungen auf das Befinden):

  • Wenn wir durch eine ungünstige körperliche Haltung, z.B. im Bürostuhl, unseren Schulter-Nacken-Bereich ständig anspannen, kann das ANS diese Spannung wahrnehmen und sie als Gefahr interpretieren, so dass wir Angst bekommen. Durch dieses oft unbewusste Gefühl von Angst kann wiederum die Spannung im Schulter-Nacken Bereich, durch die glatte Muskulatur der Faszien verstärkt werden.

Top-Down (Auswirkungen des psycho-emotionalen Befindens auf den Körper):

  • Wenn wir als Menschen durch psychische Stresssituationen ständig in Alarmbereitschaft sind und Angst haben, wird das ANS aktiviert und gibt die Aktivierung  z.B. an die Faszien im Schulter-Nacken Bereich weiter, so dass diese dauerhafter angespannt werden. Das ANS kann diese Spannung über die Rezeptoren in den Faszien wahrnehmen und als Gefahr interpretieren, sodass es die empfundene Angst verstärkt.

So entsteht leider manchmal durch die neuronale Wiederholung ein Teufelskreis aus Spannung und Dysregulation des ANS. Quasi eine wachsende Datenautobahn, die diesen Zustand immer weiter verfestigt. 

Diesen Prozess aufzuhalten oder rückgängig zu machen, ist für uns ein wichtiger Bestandteil somatischer Traumatherapie.

 

Was sonst oft gemacht wird und warum dies nicht funktioniert: 

 

Mit Techniken arbeiten, die nur auf Bindegewebsfasern (Kollagen) der Faszien abzielen. Zum Beispiel wird durch Dehnung, Faszienrolle oder sehr intensive Massage, häufig mit Auslösung von Schmerzen behandelt.
Strukturell kann das für die elastischen und kollagenen Fasern hilfreich sein, aber den Rezeptoren der Faszien und der glatten Muskulatur wird durch die Interpretation des ANS vermittelt “hier ist etwas gefährlich”, verletzend, grenzüberschreitend oder gar retraumatisierend.

Die Folge: Die Faszien reagieren mit erhöhter Spannung und die Mobilität und Kraftentfaltung werden oft nicht nachhaltig besser. Hier wird wieder derselbe Teufelskreis aktiviert und gegebenenfalls verfestigt. Auf neuronaler Ebene kommt dies einer Retraumatisierung gleich. 

 

Traumaheilung durch Körpertherapie und Somatisches Training

 

Ein wichtiger Ansatz in der Körpertherapie ist die Traumaheilung durch das Lösen von Spannungen im Fasziensystem. Wenn traumatische Erfahrungen im Körper gespeichert sind, kann dies zu chronischen Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und “emotionalen Blockaden” führen. Das Fasziensystem, das mit dem ANS verbunden ist, spielt also eine Schlüsselrolle bei der Verarbeitung von Traumata.

 

Was können wir tun?

 

1. Bottom-Up körperlich Neues erfahren und dadurch lernen:

  • Bewegen, in passendem Ausmaß und Intensität, wodurch Grenzen nicht überschritten werden.
  • Massagen, die die Wahrnehmung fördern und nicht den Schmerz verstärken.
  • Osteopathische Behandlungen, die fasziales Unwinding/ ein sich Ent-wickeln  unterstützen.
  • Körpertherapeutisch das Gewebe annähern und Halt geben, damit der Halt/ die Spannung nicht vom Gewebe selbst aufgebaut werden braucht.

Beispiel Körperarbeit “Eingefrorene Emotionen auftauen”: 

Durch Berührung die Faszien annähern, so Länge und Spannung reduzieren, damit das ANS mitbekommen kann, dass die Spannung nicht nötig ist.

Dann kann sich Emotionales entladen, sprich die Emotion wieder ins Bewusstsein gelangen und in einem sicheren Rahmen gefühlt und verarbeitet werden.
Wenn dieser emotionale Stress verarbeitet werden konnte und sich die Aktivierung reguliert hat, kann das ANS im Hier und Jetzt überprüfen, ob Gefahr besteht oder nicht. Dieses Scannen auf Sicherheit geschieht permanent durch die sogenannte Neurozeption.

Wird die neue Situation als sicher genug interpretiert, kann diese Erfahrung verankert werden und das ANS braucht nicht wieder aktivieren. Dadurch wird der Teufelskreis unterbrochen. 

2. Top-Down durch Verständnis Veränderung ermöglichen:

  • Edukationselemente wie z.B. dieser Blogartikel 😉

     

    Oder wie die Polyvagaltheorie: Verstehen, warum wir/ unsere Faszien manchmal “gar nicht anders können“. So kann die Selbstverurteilung abnehmen und Verständnis über sich selbst und den eigenen Körper wachsen

  • Regulationstools erlernen, z.B. wie Atmung oder Selbstmassage Regulation und Entspannung fördern
  • Durch das Verstehen eigener Muster z.B über die Arbeit mit inneren Anteilen den Nutzen einer (Schutz-) Spannung erkennen

Beispiel psychosomatische Therapie:

Ursache und Nutzen der Spannung kennen lernen, z.B. durch die Arbeit mit inneren Anteilen. Wenn eine andere Beziehung zu diesen Spannungen/ Schutzmustern entsteht, können sich neue Perspektiven und Möglichkeiten entwickeln und alte Schutzstrategien überflüssig werden. Dann muss das ANS nicht mehr aktivieren. Wir können neue Wege gehen und brauchen nicht mehr gegen die (Schutz-) Spannungen und damit einen Teil von uns selbst arbeiten.

3. Immer das ANS mit einbeziehen:

  • Ein Setting gestalten, das Sicherheit vermittelt, Grenzen wahrt und Ressourcen stärkt

In Holistic-Bodywork verbinden wir Bottom-Up und Top-Down zu einem vereinenden Ansatz, den wir in Behandlungen individuell an jeden Menschen anpassen.

 

Fazit: Faszienarbeit als Schlüssel zur Heilung

 

Die Arbeit mit Faszien bietet nicht nur physische, sondern auch tiefgreifende emotionale Heilungs- und Entwicklungspotenziale.

Es benötigt dazu aber mehr als nur das Arbeiten mit kollagenem Bindegewebe. Wenn wir ausschließlich damit arbeiten, kann es sogar zu einer Verstärkung der Probleme kommen. Wenn wir das autonome Nervensystem und seine Verbindung zur glatten Muskulatur nicht mit einbeziehen und zum Beispiel nur stark Dehnen, Massieren oder Faszienrollen benutzen, erreichen wir oft das Gegenteil der Intention: Weniger Mobilität, mehr Schmerzen bis hin zu Retraumatisierung.

Und wir brauchen einen sicheren Rahmen, damit das Nervensystem entspannt und reguliert sein kann. Denn nur dann kann die gespeicherte Spannung, die emotionale oder traumatische Ladung, abgebaut werden. So kann der Teufelskreis sich verstärkender Spannung verlassen und einen Heilungskreislauf in Gang gesetzt werden.

Auf diese Art unterrichten und nutzen wir in Holistic-Bodywork Faszienarbeit als Teil der somatischen Traumaheilung.

Klicke unten um dies selbst zu erfahren und zu erlernen: