Neugierig, mitfühlend, mutig und sicher – mit dir selbst und mit anderen
Kennst Du solche Fragen:
Wie kann ich mich tiefen Themen widmen, ohne in einen Strudel unterschiedlicher Stimmen in mir zu geraten?
Wie kann ich Menschen authentisch, mitfühlend und klar begleiten, ohne von ihren Themen mitgerissen zu werden?
Wer, von all den unterschiedlichen Rollen, die ich einnehme, und den verschiedenen Stimmen in mir, bin ich eigentlich?
Wer bin ich? Mit dieser Frage beschäftigen wir uns auch in Holistic Bodywork immer wieder. Dabei geht es nicht primär um Identität oder Persönlichkeit, sondern vor allem um die Erfahrung, mit sich selbst in Kontakt zu sein.
Wir verwenden dafür unter anderem den Begriff “Selbst”. Das Selbst beschreibt für uns eine innere Instanz, aus der wir uns selbst wahrnehmen, mit unseren verschiedenen inneren Anteilen in Beziehung gehen und mit anderen Menschen verbunden sein können.
Eine wichtige Grundlage ist für uns dabei das Internal Family Systems Modell (IFS) von Richard Schwartz. Gleichzeitig verstehen wir das Selbst nicht ausschließlich aus der Perspektive von IFS. Auch andere psychologische, körperorientierte und spirituelle Ansätze, die wir nutzen, beschäftigen sich mit einer ähnlichen Frage: Wer sind wir und was ist in uns erfahrbar, wenn wir nicht vollständig mit unseren Gedanken (Gedankenspiralen und Glaubenssätzen), herausfordernden Emotionen, Rollen oder Schutzmustern identifiziert sind?
Eine Hypothese: Das Selbst ist unsere größte Ressource!
Für uns selbst, im privaten Kontakt mit anderen, wie auch in Behandlungen.
Das Selbst ermöglicht es uns:
In Beziehung zu kommen zu Anteilen (statt eingenommen/ übernommen zu werden)
Multiperspektivität, sowie Mitgefühl und somatisches Verständnis für auf mehreren Ebenen stattfindender Prozesse (für unser System und andere Menschen)
Selbstbewusstsein: Ich kenne meine Stärken und Schwächen, ich kann ich sein, mit einem gesunden Selbstvertrauen. Die Frage “wer bin ich” löst sich auf
Trauma (Mangel an Verbindung und Grenzen) zu heilen. Von einem Ort aus, wo wir ganz sind, uns um unsere Verletzungen zu kümmern
Was ist das „Selbst“?
In IFS wird davon ausgegangen, dass unsere Psyche einerseits aus unterschiedlichen (An-)Teilen besteht. Diese Teile können unterschiedliche Bedürfnisse, Gefühle und Aufgaben haben und damit unterschiedliche Funktionen im System erfüllen. Manche schützen uns z.B. vor Verletzung, andere versuchen, Kontrolle zu behalten, und wieder andere tragen belastende Erfahrungen.
Ein paar Beispiele: Wir können einen Anteil in uns kennen, der sehr kritisch ist und uns antreibt, alles richtig zu machen. Oder einen Teil, der Konflikte vermeiden möchte und deshalb schnell nachgibt oder es allen recht machen will. Ein anderer Teil reagiert auf Unsicherheit in einer Beziehung mit extremen Rückzug und Kontaktabbruch.
Kennst Du solche “Stimmen”/ Anteile?
Vielleicht sogar, dass innere Stimmen aufeinander reagieren, sich gegenseitig verurteilen und ein innerer Konflikt entsteht, der scheinbar nicht aufzulösen ist?
Aus der Perspektive von IFS sind wir aber nicht ausschließlich dieser eine Teil, oder diese Teile und ihre Interaktion. Es gibt die Möglichkeit, einen gewissen Abstand zu ihnen zu bekommen („Entschmelzen“) und sie wahrzunehmen, ohne von ihnen vollständig bestimmt zu sein. Genau hier kommt das Selbst ins Spiel.
Richard Schwartz, der Begründer von IFS, beschreibt das Selbst als eine Instanz, die in jedem Menschen vorhanden ist und nicht beschädigt werden kann. Er geht davon aus, dass wir eine eigene innere Weisheit für die Heilung und Entwicklung unserer Beziehungen – nach innen wie nach außen – besitzen. Die Schwierigkeit besteht häufig aber darin, Zugang zu ihr zu bekommen.
Wenn unser Nervensystem stark aktiviert ist, wir aufgeregt oder im Stress sind, können innere Anteile sehr viel Raum einnehmen und den Selbst-Kontakt einschränken. Das bedeutet nicht, dass unser Selbst verschwunden ist. Der Zugang ist lediglich verdeckt. Über Regulation, den Kontakt zu unseren Ressourcen oder auch Anteile-Arbeit können wir den Selbst-Kontakt wieder herstellen.
Im Kontakt mit unserem Selbst können Qualitäten wie z.B. Ruhe, Neugier, Mitgefühl, Klarheit, Geduld und Mut entstehen. Im IFS werden diese Qualitäten häufig über die sogenannten „8 Cs und 5 Ps“ (aus dem Englischen) beschrieben.
Für uns ist dabei wichtig: Das Selbst ist kein Entwicklungsziel und kein Zustand, den wir dauerhaft erreichen sollen. Es geht nicht darum, irgendwann nur noch ruhig, klar oder mitfühlend zu sein. Mehr Selbstkontakt zu erleben, verstehen wir deshalb weniger als Selbstoptimierung. Es geht nicht darum, eine bessere Version von sich selbst zu erreichen. Sondern vielmehr darum, zunehmend Zugang zu unterschiedlichen Aspekten von sich selbst zu bekommen, die bereits da sind und diese im eigenen Leben ausdrücken und verwirklichen zu können.
Selbst und Spiritualität
Das Verständnis eines inneren Kerns oder einer tieferen Dimension des Selbst findet sich nicht nur in IFS. Ähnliche Fragen werden in verschiedenen spirituellen und philosophischen Traditionen gestellt, beispielsweise im Buddhismus, im Diamond Approach oder in anderen Formen kontemplativer Praxis.
Auch in unserem Artikel „Spiritualität in Holistic-Bodywork“ beschreiben wir Spiritualität nicht als festgelegtes Glaubenssystem. Uns interessiert vor allem die direkte Erfahrung, z.B. von Verbundenheit, Präsenz und Ganzheit.
Dabei möchten wir das Selbst nicht mit einem spirituellen oder religiösen Begriff gleichsetzen. Auch „Erleuchtung“ ist für uns keine passende Beschreibung. Das würde leicht die Vorstellung erzeugen, dass es einen besonderen Zustand gibt, den wir erreichen müssen.
Selbst und Ressourcen
Für uns und unsere Arbeit ist etwas anderes relevant: Aus welchem inneren Zustand heraus kann ich wie handeln? Wann ist welcher Zustand hilfreich und wann nicht? Was unterstützt dabei, z.B. an Qualitäten des Selbst, um in Verbindung zu sein, Grenzen zu setzen, verkörpert und/ oder handlungsfähig zu sein?
Aus dem Zustand des Selbst heraus kann ich beispielsweise meine Angst mitbekommen und gleichzeitig eine Entscheidung treffen, die nicht nur von dieser Angst gesteuert ist. Ich kann wütend sein und in Beziehung bleiben. Ich kann mitfühlend sein und gleichzeitig eine klare Grenze setzen. Ich kann mich mit einem anderen Menschen verbunden fühlen, ohne meine eigenen Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren.
Selbst und Individualität
Das Selbst zeigt sich damit nicht unbedingt als ein bestimmtes Gefühl oder einen festgeschriebenen Zustand. Je nach Mensch und Situation können unterschiedliche Qualitäten im Vordergrund stehen. Manchmal brauchen wir Mut, Klarheit, manchmal Mitgefühl oder Geduld. Manchmal sind Lebendigkeit, Kreativität und Spielfreude, wie auch Beständigkeit und Ruhe Ausdruck unseres Selbsts. Im Selbst verankert können ein, zwei oder mehrere Perspektiven gleichzeitig bestehen, wahrgenommen und einbezogen werden.
Wir sind als Menschen individuell und einzigartig in unserem Selbst-Ausdruck und gleichzeitig immer in Beziehung und verbunden. Unsere Erfahrungen entstehen nicht unabhängig von unserem Körper, unserer Umwelt und unseren Beziehungen.
Diese Verbindung von Individualität und Verbundenheit ist auch eine wichtige Schnittstelle zwischen unserem Verständnis von Selbst und unserem Verständnis von Spiritualität, wie wir in unserem letzten Video-Blogartikel beleuchtet haben.
Das Selbst in Holistic Bodywork
Für uns ist das Selbst nicht nur ein theoretisches Konzept. Entscheidend ist, ob und wie es körperlich erfahrbar wird.
Deshalb verbinden wir die Arbeit mit inneren Anteilen mit Körpertherapie und somatischer Praxis. Wenn wir beispielsweise einen Teil wahrnehmen, der Angst hat, reicht es oft nicht, nur darüber zu sprechen. Wir können erkunden, wie sich diese Angst im oder um den Körper zeigt: z.B. in der Atmung, der Muskelspannung, der Körperhaltung, im Blick oder in Bewegungsimpulsen. Vielleicht hat die Angst einen Ort im Körper, vielleicht aber auch außerhalb. Wo genau befindet sie sich? Hat sie eine Form oder Farbe?
Und wir können erforschen, was dieser ängstliche Teil befürchtet, wie wir ihm mehr Sicherheit, auch ganz körperlich, anbieten können und was er dafür braucht. Das kann zum Beispiel das Erleben von Gehalten-werden sein. Dabei schauen wir, ob und wie das bei diesem Teil ankommt.
Eine wichtige Erfahrung für den Selbst-Kontakt kann dabei das sogenannte “Entschmelzen” sein. Damit ist gemeint, einen inneren Anteil wahrzunehmen, ohne vollständig mit ihm identifiziert/ “verschmolzen” zu sein.
„Ich bin ängstlich“ kann sich beispielsweise verändern zu: „Da ist ein Teil von mir, der ängstlich ist/ Angst hat.“
Das ist keine rein sprachliche Veränderung. Häufig lässt sich dieser Unterschied auch körperlich wahrnehmen. Vielleicht wird der Atem etwas freier, der Blick weiter oder die Körperhaltung verändert sich. Vielleicht entsteht mehr Abstand zwischen einem Impuls/Reaktion und der darauf folgenden Handlung.
Verkörpertes Selbst (embodiment)
Genau hier sehen wir eine wichtige Verbindung zwischen Anteile- und Körperarbeit: Der Zugang zum Selbst entsteht vor allem über direkte körperliche Erfahrung und nicht nur über Reflexion oder Gespräch.
Diese direkte somatische Erfahrung ist ein zentraler Bestandteil von Holistic Bodywork. Wir möchten nicht nur über Selbstkontakt sprechen, sondern Bedingungen schaffen, in denen Menschen ihn selbst erfahren und für sich überprüfen und auch daraus handeln können.
Das ist eine wichtige Motivation für unsere Arbeit in Sessions, Kursen und Ausbildungen: Zu erleben, wie Menschen wieder mehr aus ihrem eigenen Selbst heraus leben können und damit auch mehr sie selbst sind.
Und zu sehen, wie sich Sessions verändern, wenn die begleitende Person mit ihrem Selbst verbunden ist.
Das kann z.B. so aussehen:
Weniger getriggert sein/ weniger Teile Aktivität →
weniger ungünstige Rollen und Dynamiken (Beispiel: Drama Dreieck) →
mehr Miteinander statt Gegeneinander im Inneren, wie auch mit anderen Menschen →
weniger (Energieverbrauch für innere) Konflikte, mehr Kraft, Zeit & Raum für Erfüllendes →
neue Möglichkeiten, wie z.B. mehr Gesundheit, Selbstvertrauen und Lebensfreude, mehr Leichtigkeit im Leben und der therapeutischen Arbeit
Erlebe und erfahre mehr dazu in unseren:
Übung: Somatisches Entschmelzen
Hier möchten wir mit Dir eine kurze Übung für mehr Selbst-Kontakt teilen, die Du sowohl mit Dir selbst, als auch anleitend, mit anderen ausprobieren kannst.
Übungsablauf:
1. Finde dafür eine Position, in der Du ein paar Minuten gemütlich sein kannst.
2. Kannst Du eine Situation in Dir wachrufen, in der Du “getriggert” warst, Dich auf eine Weise verhalten hast, die Du gut von Dir kennst, die nahezu “automatisch” abläuft…? (Bitte wähle für diese Übung nicht das größte Thema Deines Lebens, sondern etwas, womit Du einigermaßen gut umgehen kannst)
3. Was bemerkst Du, wenn Du an diese Situation denkst? (Körperlich, emotional, gedanklich, energetisch, Handlungsimpulse…)
Varianten des somatischen Entschmelzens
4. Kannst Du “das”, was Du bemerkst, bitten, Dir etwas mehr Raum zu geben? (nicht, damit es weg sein soll, sondern um den Raum zu haben, es mehr kennenzulernen)
5. Und was bemerkst Du jetzt?
6. Kannst Du Dir “das” woanders vorstellen?
7. Was bemerkst Du jetzt?
8. Kannst Du Dich “davon” etwas weglehnen?
9. Was bemerkst Du jetzt?
10. Kannst Du einen Gegenstand/ Symbol “dafür” finden und im Raum platzieren?
11. Was bemerkst Du jetzt?
Abschluss finden
12. Ist es ok, diese Übung hier zu beenden, oder brauchst Du oder “das” noch etwas? (Vielleicht eine Absprache, weiter miteinander im Kontakt zu sein; vielleicht das Symbol, was wieder der ursprüngliche Gegenstand wird etc.)
Erlebe und erfahre mehr dazu in unseren:
Reflexionsfragen:
Wie war es für Dich, diese Übung zu machen?
Haben die verschiedenen Formen von “Entschmelzen” (evtl. unterschiedliche) Veränderungen bewirkt?
Hast Du Beobachtungen, Erfahrungen, Erkenntnisse, die Du vielleicht auch mit uns teilen möchtest? Dann komm gern mit uns in Kontakt.
Kannst Du Dir vorstellen, wann/ wofür diese Übung vielleicht hilfreich ist?
Wünschst Du Dir weitere Informationen oder ein persönliches Gespräch?
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Kostenlose telefonische Beratung
Mit einem unverbindlichen Telefongespräch kannst Du am besten prüfen, ob diese Ausbildung zum jetzigen Zeitpunkt für Dich genau das Passende ist.
Du kannst mich persönlich erreichen unter (0049)-015787325444. Oder schreibe mir hier eine Nachricht, ggf. mit Terminvorschlag für ein Gespräch.
Herzliche Grüße
Pascal Beaumart
FAQs
1. Was bedeutet das Selbst in Holistic Bodywork und im Internal Family Systems (IFS)?
Das Selbst beschreibt im IFS eine innere Instanz, aus der heraus wir unsere Gedanken, Gefühle und inneren Anteile wahrnehmen können, ohne vollständig von ihnen bestimmt zu sein. In der Körpertherapie bei Holistic Bodywork geht es darum, diesen Selbstkontakt auch körperlich zu erfahren und Qualitäten wie Mitgefühl, Klarheit und Neugier zu stärken.
2. Wie kann Körpertherapie dabei helfen, das Selbst besser wahrzunehmen?
Körpertherapie unterstützt uns dabei, innere Prozesse bewusster wahrzunehmen. Durch somatische Arbeit können wir unsere Gefühle und Bedürfnisse besser verstehen und lernen, mit ihnen in Kontakt zu bleiben, ohne von ihnen überwältigt zu werden.
3. Wie kann somatische Arbeit das Selbstbewusstsein stärken?
Somatische Arbeit hilft uns, die Signale unseres Körpers und unsere eigenen Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen. Dadurch können wir unsere Grenzen besser erkennen, Entscheidungen klarer treffen und mit mehr Selbstvertrauen und Authentizität handeln.
4. Warum ist das Selbst eine wichtige Ressource für persönliche Entwicklung?
Es hilft uns, mit uns selbst und unseren Anteilen in Verbindung zu bleiben. Das Selbst ist immer da und damit eine wirklich zuverlässige Ressource, wenn wir in Kontakt damit kommen können. Durch Körperarbeit und somatische Erfahrungen können wir mehr Zugang zum Selbst und seinen Qualitäten wie Ruhe, Mitgefühl, Mut und Klarheit finden. Das unterstützt uns dabei, Herausforderungen gestärkt zu begegnen und authentisch mit uns selbst und anderen in Beziehung zu sein.
