Professionell mit Trauma umgehen

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Trauma ist nicht nur zurzeit ein großes Thema, es ist ein Teil der menschlichen Existenz.
Das was wir in der Vergangenheit nicht verarbeiten konnten, verbleibt als Trauma in unserem Körper und System.

Wer professionell mit Menschen arbeitet, Einfluss auf Körper und System hat, wird daher auch mit Trauma zu tun haben – unabhängig davon ob man ‚explizit’ damit arbeiten will, oder nicht. Denn die unverarbeiteten (traumatischen) Elemente der Vergangenheit zeigen sich in unseren Sessions: Als Haltungs- & Spannungsmuster, über Verhalten und Sichtweisen, bis hin zu Glaubenssätzen, Selbst- & Weltbilder.

Die Frage an jeden von uns als Bodyworker, Coach, aber auch Trainer & Yogalehrer ist dann: Kann ich professionell mit Trauma umgehen, wenn es sich zeigt?

Das soll nicht heißen, dass jeder trauma-therapeutisch arbeiten muss. Jedoch glauben wir, in Holistic-Bodywork, es ist unsere Verantwortung als Profi und wenn wir mit Menschen arbeiten, dafür zu sorgen, dass wir diese alten Verletzungen und daraus resultierenden Muster zumindest nicht verstärken (Mehr im Retraumatisieren  – Artikel)

Wie kann Trauma in der Körperarbeit aktiviert werden?

Aus neurophysiologischer Sicht ist Trauma ein unvollendeter Erregungszustand des autonomen Nervensystems (ANS): Wir haben eine gefährliche Situation erlebt, diese hat unser ANS aktiviert und es hat sich nicht wieder regulieren können.
Danach ist diese Anspannung chronisch im Nervensystem und Körper gespeichert und kann leicht „getriggert“ werden – auch in Situationen, die eigentlich gar nicht gefährlich sind. Häufige Auslöser sind unter anderem Erinnerungen, Bewegungen, bestimmte Körperwahrnehmungen, Haltungen oder Berührungen.

In einer Behandlung kann es leicht passieren, dass wir diese Trigger aktivieren, da wir mit Menschen über ihre Beschwerden reden, sie berühren, bewegen und manchmal mit Ihnen neue Verhaltensweisen trainieren (Übungen, Haltungen …)

Beispiele in einer Nacken-Behandlung:

  • Wir fragen den Klienten, seit wann die Schmerzen da sind, was mögliche Ursachen sind (z.B. der Fahrradunfall).
  • Wir massieren alte Schutzspannungen in der Schulter, die Ursache steckt aber noch fest, so dass die Spannung sich anschließend verstärkt.
  • Wir bewegen die Halswirbelsäule, was implizite Erinnerungen an den Unfall inklusive unvollendeter Bewegungen triggern kann und Schutzmuster anspringen lässt.

(Mehr Details findest Du in diesem Artikel.)

Wie kann ich Trauma erkennen?

Bevor wir lernen können, mit Trauma umzugehen, müssen wir es erstmal erkennen lernen. Denn unsere Klienten werden selten sagen, „Oh je,  jetzt ist mein Trauma vom Unfall wieder aktiviert“. Aus der Innenperspektive erleben Menschen oft nur eine Überforderung, plötzliche Anspannung, Angst oder „Emotionalität“ – ohne ein Verständnis woher das kommt.

Also liegt es an uns Anzeichen zu erkennen und einordnen zu können. Dies ist eine wichtige Fähigkeit, für Körperarbeiter aller Art: Trauma bzw. die Aktivierung des Nervensystems schnell erkennen zu können.

Körperliche Anzeichen, um Trauma zu erkennen sind:

  • Plötzliche Anspannung von Muskeln ohne physiologische Ursache (besonders Kampf-und Fluchtmuskeln) – geballte Hände, Kiefer anspannen, Nacken hochziehen
  • Plötzliches Erschlaffen von Muskeln – Kollabieren des Oberkörpers, erschlaffen der Gesichtszüge, Hängenlassen der Schultern
  • Zittern ohne vorherige Muskel-Ermüdung
  • Veränderung der Atmung – stark beschleunigte Atmung, plötzliches Abflachen der Atmung oder Atemaussetzer
  • Plötzliche Veränderung der Durchblutung
  • Verlust an Mimik, besonders Augen und der Stirn, ist sehr verlässliches Zeichen

Psycho-emotionale Anzeichen, um Trauma zu erkennen sind:

  • Plötzliche aufkommende Emotionen – Wut, Angst, manchmal Trauer
  • Dissoziation – die Person ist nicht mehr ansprechbar, plötzliches „Einschlafen“ oder Erschlaffen von Muskulatur (Hypotonus)
  • Impulse sich zu Orientieren – offene Augen, umherblicken, unsichere Fragen
  • Zunehmende Inkohärenz – Person kann nicht mehr klar antworten oder auf Interventionen reagieren

Wichtig:
Es geht um plötzliche Veränderungen, die nicht klar durch die Behandlung erklärbar sind.
UND wir sammeln immer mehrere Indikatoren, bevor wir eine Hypothese bilden – nicht jede Veränderung der Atmung ist ein Trauma.

Wie dies während einer Nackenbehandlung aussehen kann:

Situation: Die Behandlerin mobilisiert die Halswirbelsäule, Rückenlage und dreht den Kopf des Klienten zur Seite um den Trapezius (Kapuzenmuskel) zu massieren und dehnen.

Mögliche Trauma-Anzeichen:

  • Der Klient wird blasser, öffnet plötzlich die Augen und blickt sich um
  • Auf Feedback-Fragen werden kurz angebunden, unpräzise und monoton klingende Antworten gegeben oder der Klient ist sogar plötzlich „weg“
  • Die Spannung des Muskels nimmt plötzlich stark zu und die Schulter wird hochgezogen
  • Die Anspannung lässt plötzlich nach – es ist kein stückweises Entspannen, sondern ein erschlaffen

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Was kann ich tun, wenn dies passiert?

Um professionell mit Trauma umzugehen, helfen oft kleine Dinge. Wenn wir erkannt haben, was geschieht, haben wir oft schon den wichtigsten Schritt gemacht.
Denn dann können wir gezielt etwas tun, was dem Klienten hilft, sich Hier und Jetzt sicherer zu fühlen – und vielleicht einen Teil der Anspannung zu entladen.

Hier sind ein paar einfache Werkezeuge aus der Trauma-Therapie an denen Du Dich orientieren kannst:

1. Grenzen erkennen & respektieren
Grenzen erkennen ist unerlässlich in der traumasensitiven Körperarbeit, denn an Grenzen entsteht Veränderung – nicht jenseits von ihnen oder gar ohne sie. Dafür ist es wichtig, auf die subtilen Signale zu hören, die uns „stop“, „langsamer“ oder ähnliches sagen, auch wenn wir meinen, dass die Gewebegrenze noch gar nicht erreicht ist.

Eine der Grundregeln in HB ist, dass jede Grenzen für etwas gut ist. Wir wollen selbst die kleinen Impulse der Klienten mitbekommen und respektieren, um damit vollkommen neue Behandlungsparadigmen zu ermöglichen, s. Punkt 2 dafür.

2. (Körperliche) Impulse des Klienten aufgreifen
Wenn wir eine Grenze des Klienten gefunden haben, ist es wichtig an genau dieser Grenze auf die Impulse des Klienten zu hören. Denn häufig erscheinen an diesen Grenzen explizite Heil-Impulse aus dem Körper oder der Psyche des Klienten.

  • Bei Schock-Traumata gibt es oft unvollendete Bewegungen (der Körper wollte sich beim Fahrradunfall z.B. einrollen und schützen), deren Vollendung das gesamte System entspannt.
  • Entwicklungstrauma drückt sich oft in Schutzhaltungen aus (z.B. ein Hochziehen der Schultern, wenn man Vertrauen verletzt wurde) und viele Ansätze wollen diese Haltungen (Panzer) durchbrechen. Unserer Meinung nach ist es viel menschlischer und wirkungsvoller, diesem Schutz Halt anzubieten, damit er sich entspannen kann, ohne gebrochen zu werden.

Wenn diese Impulse erkannt, wertgeschätzt und respektiert werden, entsteht der Heilung und nächste Entwicklungsschritt oft wie von selbst.

3. Entladung einen sicheren Rahmen bieten
Sollte es in der Session eine körperliche oder emotionale Entladung geben (Zittern, Angst, Trauer, …) ist es wichtig, dieser einen sicheren Rahmen anzubieten.

Ein sicherer Rahmen beinhaltet Offenheit und Grenzen.

  • Entladung willkommen heißen – Der Klient ist willkommen genau so, wie er ist. Das heißt, wir heißen auch starke Emotionen, junge Anteile und körperliche Reaktionen willkommen.
    Hier ist es wichtig, als Behandler_in einen Halt in sich selbst, Erfahrung und Verständnis für die Situation zu haben.
  • Für Sicherheit sorgen – Gleichzeitig ist es auch wichtig für Klarheit und Grenzen einzustehen. Denn bei Traumata ist es typisch sich leicht in Emotionen, Empfindungen und alte Geschichten hineinsteigern (Traumasog/Strudel). Das ist nicht hilfreich, sondern kann zu mehr Dysregulation, Regression und Fragmentation (Retraumatisierung) führen.
    Wir bieten Sicherheit an, indem wir offen sind und Grenzen setzen; zu Ressourcen zurückkehren und dem Klienten helfen, zu verstehen was passiert (ist).

4. Im Hier und Jetzt Orientierung finden
Trauma kommt aus der Vergangenheit – doch wir erleben die Angst, Stress und Spannungsmuster so als wären sie jetzt gerade notwendig.
Durch Orientierung können wir dies hinterfragen und überprüfen.

Wir nutzen Orientierung als Tool auf zwei Arten:

a) Den Klienten dabei unterstützen sich Hier und Jetzt zu orientieren – Mit Fragen wie:

  1. Siehst Du grade eine Gefahr?
  2. Wie fühlt sich die Unterlage auf der Du bist an?
  3. Gibt es Impulse die mit der Anspannung einhergehen?

b) Dem Klienten inhaltliche Orientierung anbieten – Als Behandler ist es wichtig dem Klienten eine mentale Orientierung anbieten zu können, damit er versteht, was in ihm passiert

  • Warum spannen die Muskeln immer wieder an?
  • Wieso kommt Angst hoch, wenn wir am Nacken arbeiten?
  • Wie kann der Fahrradunfall noch Auswirkungen haben?

Dieses Verständnis ist wichtig, damit die Ergebnisse der Behandlung langfristig verarbeitet und verdaut werden können.

Ein praktisches Beispiel aus unserer Ausbildung:

Zum Abschluss:


Wir hoffen, dieser Abriss gibt Dir ein paar Ideen, wie Du in Zukunft Trauma besser erkennen und professionell damit umgehen kannst.

Wenn Du Fragen, hast, schreib uns gerne. Uns liegt dieses Thema sehr am Herzen, denn wir haben es in unserer täglichen Praxis leider immer wieder mit Menschen zu tun, bei denen genau dies falsch gelaufen ist – sowohl als Klienten/Patienten, wie auch in der Therapeuten-Rolle.

Wir hoffen, dass mehr und mehr Therapeuten dieses Wissen nutzen und verinnerlichen, damit mehr und mehr Menschen nachhaltig geholfen wird.

Behandlungsansätze für Schock-Trauma

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